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zu arbeiten, und dies ist es eben, worauf die Naturheil
kunde fußt.
Das neuere Heilverfahren bietet uns also die größte
Sicherheit in den Erfolgen bei Heilung und Verbesserung un
seres Organismus, was dem alten Heilverfahren fehlt. Nach
diesem hat man während des 2000 jährigen Bestehens gegen
3000 verschiedene Krankheiten ermittelt und fast ebensoviel
verschiedene Heilmittel aufgefunden. Es gehören gründliche
Studien und vieljährige Erfahrungen dazu, um nur einiger
maßen mit Sicherheit, nach Maßgabe der verschiedensten Symp
tome der Krankheiten und der Wirkungen der Heilmittel, Ku
ren ausführen zu können. Hiernach erscheint der Modus der
Erhaltung und Herstellung der Gesundheit als eine große
Kunst, unter deren Wirkung aber alle lebenden Wesen zu
Grunde gehen müßten, wenn nicht in den einfachen Gesetzen
der Natur allein ihr gesundes Dasein gesichert wäre. Die
alte Heilkunde ist stolz auf ihre Resultate, sie übersieht es
aber, daß die übrigen Heilsysteme, selbst Laien, Schäfer und
alte Frauen, auch gute Kuren aufzuweisen haben, und dies
eben nur deshalb, weil die Natur allein heilt. Man unter
läßt es, die diesfallsigen Heilbestrebungen, wie es die Natur
gesetze erfordern, zu unterstützen, dagegen bemüht man sich,
dieselben durch verschiedene Mittel und namentlich vermöge
der sogenannten heroischen Medicamente (Gifte) zu unter
drücken, in deren Gefolge oft chronische Krankheiten, innere
Vereiterungen, früher Tod und andere Gebrechlichkeiten auf
treten. Diese traurigen Erscheinungen, welche die Homöo
pathie und besonders das Naturheilverfahren an's Licht gezo
gen, haben das alte Heilsystem in seinen Grundfesten erschüt
tert und wesentlich dazu beigetragen, daß dessen Unsicherheit
und Unhaltbarkeit in die Oeffentlichkeit gelangt ist und sich
hier durch zunehmendes Mißtrauen bemerkbar macht.
Der Dr. S choen lein, eine bedeutende Person in der me-
dicinischen Welt, sagt daher auch: „Die Medicin habe seit der
griechischen und römischen Kultur so gut als gar keine Fort
schritte gemacht, sie müsse auf ganz neuen Grundlagen von
unten aus aufgebaut werden "
Selbst in Wien ist man seit Jahren daran, den Natur
heilungen und der Naturkraft das einzuräumen, was ihr ge
bührt — ihre Kraft und ihr natürliches Recht. Man läßt
den Kranken-Organismus in Frieden seine Kräfte verwenden,
ohne dabei, wie früher, zu hemmen, und gestattet ihm, für sich
das zu thun, was jedes kranke Thier der Wildniß für sich
zu leisten berechtigt ist, d. h. seinem natürlichen angeborenen
Instinkte zu folgen beim Kranksein. —
Nachdem wir hiermit die Licht und Schattenseiten ein
zelner Heilmethoden in ihrer Allgemeinheit beleuchtet haben,
muß es uns einerseits als eine dringende Forderung der
Menschheit und Wissenschaft erscheinen, zur Natürlichkeit und
Einfachheit bei Pflege und Behandlung des kranken Organis
mus zurückzukehren, andererseits müssen wir es als einen
unaufhörlichen Mahnruf betrachten, — Wache zu halten für
den gesunden Leib, um ihn zu schützen vor Leiden und Ge
brechen. Eine Rückkehr zur Natur in Erziehung und Bildung,
in Abhärtung und Körperstählung, in Veredlung unseres gei
stigen Ichs thut Noth und ist Pflicht für Alle, die sich
einen wahren Diener der Menschheit nennen, zumal da uns
bekannt geworden, daß langjährige Leiden durch einfaches
Naturheilverfahren gehoben, kranke, lang verhaltene Stoffe
hierdurch gelöst und Schädlichkeiten ausgeschieden werden.
Wir kommen jetzt zum Schluß. Lassen Sie uns einzelne
Hauptzüge des eben vollendeten Gesammtgemäldes noch näh^r
ins Auge fassen, und zwar unseren Organismus und die Na-
turheilkräste.
Daß sich eine unscheinbare Flüssigkeit, der Fortpflanzungs-
Stoff, mit ihrer Lebenskraft oder Seele den Körper selbst
baut und bestrebt ist, sich mit diesem zur Reife zu entwickeln,
haben wir bereits dargethan. Demnach ist das Seelenleben
der Grundpfeiler, auf den das Körperleben sich stützt. Und
wenn nun in der Natur der Kreislauf des Lebens aus Har
monie der Elemente beruht, so findet dies auf unser Seelen-
und Körperleben gleiche Anwendung.
Der Organismus ist nach seiner Knochenverbindung rc°
auf Bewegung und Thätigkeit angewiesen. Dadurch entsteht
natürlich Reibung und Abnutzung, was sich einestheils in der
Ermattung und dem Hunger, anderntheils in deren Beseiti
gung durch Ruhe und Nahrungsstoff bemerkbar macht. Der
Organismus ist daher einem dauernden Stoffwechsel unter
worfen, d. h. er ist dauernd bestrebt, Blut und daraus Kör
perteile zu ergänzen, zu welchem Behufe er die hierzu nöthi
gen Stoffe einnimmt und die verbrauchten im flüssigen, festen
und gasförmigen Zustande ausscheidet. Was die Einnahme
der Nahrung anbetrifft, so haben wir dieselbe den betreffen
den Organen nicht allein in möglichst einfacher und natür
licher Beschaffenheit zuzuführen, sondern wir haben uns auch
stets in frischer, mit Sauerstoff re. geschwängerter Luft zu be
wegen, und unseren Durst mit frischem Quellwasser zu be
friedigen, wenn die Blut- und die daraus hervorgehende Kör
perbildung eine normale, und so eine gesunde und kräftige
werden soll. In Betreff der Ausscheidung der verbrauchten
Stoffe ist der Organismus mit verschiedenen Organen ausge
stattet und zwar dem Dickdarm, den Nieren, den Lungen mit
der Luftröhre und der äußeren Haut. Von diesen Organen
beschäftigen sich der Mastdarm und die Nieren vorzugsweise,
mit Aussonderung derjenigen Theile von Speisen und Ge
tränken, welche nicht als Blutbestandtheile im Körper behalten
werden, wogegen die Lunge und ganz besonders die Haut die
Aufgabe haben, die verbrauchten Körperftoffe auszuführen.
Die äußere Haut ist von der größten Wichtigkeit und
hat einen mehrfachen Zweck. Sie ist Schutzorgan des Kör
pers gegen äußere Einflüsse (Zurückhalterin der Wärme),
— Sinnes- (Tast- und Gefühls-) und Ausscheidungs-Organ.
Außerdem ist sie noch Vermittlerin der Wärme- und Elektri-
citäts-Strömungen, wodurch die Säfte-Circulation und der
Stoffwechsel im natürlichen Gange erhalten werden.
Wenn wir nun den steten Wechsel der Stoffe, wie sie
in den verschiedenen Organen ab- und zugeführt, geändert
und umgesetzt werden, betrachten, so sehen wir klar, wie alle
übrigen Functionen des Körpers, die Thätigkeit der Muskeln,
der Eingeweide, der Gesäße, des Gehirn- und Nerven-Sy
stems nur in dem Grade lebenskräftig sein können, als der
hochwichtige Stoffwechsel im richtigen Verhältniß zu den Func
tionen der übrigen Organe und Systeme vor sich geht, und
es sind alle Systeme des Organismus nur in dem Maße be
fähigt, aus den Verlaus des ganzen Lebens-Processes günstig
einzuwirken resp. denselben naturgemäß zu vermitteln, als ihre
normale Thätigkeit durch eine richtige Stoffaufnahme, rich
tige^ Stoffmischung, Umsetzung und Bewegung,
sowie durch eine richtige Stoffausscheidung er
halten wird.
Hierin liegt das offenkundige Geheimniß des Naturheil
verfahrens. Es kommt also nur darauf an, daß wir die Na-
turheilmittel im rechten Maße, im rechten Verhältnisse, auf
die rechte Weise, in der rechten Ordnung und in dey rechten