27
Am Montag Morgen legte ich unter Mithülfe des nahe
wohnenden Kirchendieners, welcher diese Kurmanipulationen
lernen sollte, den Herrn Pfarrer in die feuchte Wicklung mit
extra Rumpfumschlag, applicirte noch besondere feuchte Kops
umhüllung, so daß nur Augen und Nase heraussahen; neben
an dann den Sohn blos in die einfache feuchte Packung.
Nach etwa-14 Stunde, innerhalb welcher er am ganzen Leibe
gut warm geworden, nahm ich letzteren wieder heraus, gab ihm
eine nasse (12 o) Abreibung mit einigen Uebergießungen und
ging dann 4 Stunde mit ihm in's Freie promeniren. Nach
3 Stunden erst nahm ich den im Gesicht ziemlich schwitzenden,
am ganzen Körper dampfenden Herrn Pfarrer heraus und badete
ihn in Wasser 18 o warm, bis zum leichten Frösteln ab und
ließ ihn, den noch etwas ängstlichen und auch verzärtelten
Mann wieder in's Bett zurückgehen. Als Frühstück bekamen
Beide süße Milch von ihrer Kuh weg, mit Hausbrod. Gegen
11 Uhr nahm ich mit Emil gymnastische Uebungen*) vor, an
welchen ich auch den Herrn Pfarrer sich betheiligen ließ, dem
ich einige sehr wirksame, ableitende Arm- und Beinbewegun
gen, sowie Kopfbewegungen zeigte, ferner Hackungen und
Streichungen der Kinnbacken applicirte, daß die ganze Fa
milie ihre köstliche Freude daran hatte und zu einer Heilme
thode Zuneigung bekam, die dem Kranken wie seiner Umge
bung nächst reeller Hülfe noch Spaß und Freude bereitete,
und so das Anfangs etwas Anstrengende und Mühe Machende
derselben gerne vergessen ließ. Das Mittagessen, eine ganz
einfache Hausmannskost, von Supp', Gemüs' und Fleisch, an
der ich Nichts auszusetzen fand, schmeckte beiden Patienten,
namentlich aber dem Herrn Pfarrer, seit langer Zeit zum
ersten Male wieder herrlich. Nachmittags nahm ich Emil
abermals auf 1 Stündchen mit in's Freie, und nach 4 Uhr
ließ ich Beide wieder in die „Wickel" wandern, wo der
Sohn kürzere, der Vater längere Zeit verweilen mußte, und
worauf ich Emil ein Halbbad von 18 0 auf die Dauer von
5 Minuten mit Uebergießungen, dem Vater aber eine triefend
nasse Abreibung mit abgeschrecktem Wasser und mehrmalige
Kopfübergießungen gab und wieder bis zur Erwärmung in's
Bett gehen ließ, während ich mit Emil ein halbes Stündchen
Gymnastik trieb. Das frugale Abendbrod: ein Milchreis mit
Apfelmuß, vereinigte bald darauf alle Insassen des gemüth
lichen Pfarrhauses um den runden Familientisch. Vor Schla
fengehen legte ich noch beiden Patienten den feuchten Rumpf
umschlag an, dem Herrn Pfarrer überdies einen feuchten
Hals- und Kinnbackenverband. Emil hatte an diesem
ersten Kurtage keinen eigentlichen Anfall, sondern blos zwei
Mal einen Anlauf dazu, bestehend darin, daß er leichte Zuk-
kungen in den Extremitäten spürte und einige Minuten heißen
Kopf hatte; es wetterleuchtete blos, kam aber nicht
zu Blitz und Donner; diese Nacht ging er, seiner Aus
sage nach, wieder wie ein Jagdhund zu Bette, und war
am andern Morgen kaum zum Aufstehen zu bringen, schlief
auch in der Einpackung gleich wieder weiter. Da sein Stuhl
gang regelmäßig täglich stattfand, so ließ ich ihn nicht des
halb, sondern um ein vermeintliches Würmernest auszuheben,
jedesmal nach demselben einen halben Schoppen 18o Wasser
sich in den Mastdarm injiciren. Volle 14 Tage untersuchte
ich nun selbst seine Excremente, konnte aber keine Spur von
Würmern entdecken; an Onanie war bei diesem Jungen nicht
zu denken!
*) Anm. Schon int Winter 1853/54 war ich über ein halbes
Jahr in Berlin, um bei Sanitätsrath vr. Eulenburg Theorie und Praxis
der sog. schwedischen Gymnastik kennen zn lernen und mir anzueignen.
Mit wenig Abänderungen in dieser Behandlungsweise
(ein paar acute Stürme beim Herrn Pfarrer ausgenommen,
die dann dem jeweiligen Befinden entsprechend modificirt be
handelt wurden), fuhr ich beharrlich drei volle Wochen fort,
und hatte die Freude, den Herrn Pfarrer am 4ten Sonntage
nach meiner Ankunft, als am 1. Adventfest, wieder seit lan
ger Zeit zum ersten Male seine Kanzel besteigen zu sehen,
so gar zwei Mal an diesem Tage; und noch dazu seiner Ge
meinde selbst das Abendmahl zu geben, ließ er sich nicht neh
men! Emil hatte in den ersten 14 Tagen noch sechs Mal
seinen Anfall bekommen, aber lange nicht mehr in dem Grade,
wie ich den ersten Paroxysmus bei ihm sah; in der letzten
Woche war er von demselben ganz frei geblieben. Meine
Mission schien mir daher hier zu Ende, denn das Weitere,
was noch zu geschehen, konnte auch ohne mich vor sich gehen,
und für so bekehrt für die neue Heilmethode durch den bril
lanten Erfolg derselben hielt ich meine Leute, daß sie auch
nach meiner Abreise consequent befolgten, was ferner mir
nothwendig für sie erschien. Ich ordinirtc beiden Patienten
noch mehrere Wochen lang eine allmorgentliche Einwickelung
mit drei Mal 4 Bad und drei Mal nasser Abreibung (der
Art, daß an dem Morgen, wo der Vater ein Halbbad hatte,
der Sohn eine Abreibung bekam und umgekehrt; in so kleinen
Haushaltungen ist man beschränkt und muß sich somit auch
der Arzt beschränken!); gymnastische Uebungen Vormittags und
Nachmittags, täglich längere Spaziergänge, über Nacht den
feuchten Rumpfumschlag.
Am 25ten Tage verabschiedete ich mich von den wacke
ren Pfarrersleuten Nach 14 Tagen erhielt ich die erste
Nachricht, daß es immer besser gehe, der Herr Pfarrer sein
Amt gut versehen könne und bei Emil noch kein weiterer An
fall gekommen sei. Zwei Monate später, im Februar 1856,
konnte ich mich in persona von dem guten Befinden meiner
früheren Patienten überzeugen, indem ich Gelegenheit hatte,
auf einer Tour nach München einen Abstecher nach Stein
heim, dem neuen Aufenthaltsort derselben, zu machen. Es
wurde mir da von Allen freudestrahlenden Antlitzes erzählt,
daß die so sehr gefürchtete, gut 30 Stunden betragende, Um
siedlung im kalten Wintermonat Januar mit all' den viel
fachen aufregenden Umständen der Vorbereitung zum Abmarsch,
während der Reise, sowie denen des Aufzugs und der ersten
Einrichtung am neuen Orte merkwürdig gut ertragen
worden sei, ohne weder bei dem Herrn Pfarrer, noch bei Emil
einen Rückfall herbeizuführen. Und das will was hei
ßen! Das will selbst erlebt sein, um es richtig beurtheilen
zu können! Kein Medicinkolben der Welt, nicht vom ge
schicktesten Paracelsus der Neuzeit verordnet, hätte das be
wirkt! Drum: „Nieder mit dem Medicinkolben und
ein Vivat dem Wasser, denn in ihm allein ist
Heil! sogar im trüben, sauren Donaumooswasser!"
Zwei und ein halb Jahr später, im Herbst 1859, war es,
wo ich Vater und Sohn wiedersah; sie waren noch warme
Verehrer und treue Anhänger unseres Heilverfahrens; der
Herr Pfarrer läßt sich, sobald er das mmdeste Unwohlsein
spürt, gewöhnlich aber Freitag und Samstag Nachmittags, feucht
wickeln und nimmt darauf seine nasse Abreibung, und konnte
bisher immer — auch im strengsten Winter — seine Predi
gerfunction ausüben; aus Emil ist ein stattlicher Bursche und
Kaufmann geworden, der seither nie wieder die leiseste
Mahnung an sein früheres Leiden erhalten, obgleich er An
fangs ziemlich angestrengt geistig arbeiten mußte, um das
viele Versäumte wieder hereinzubringen.