21
Auf dem Boden des alten Heilverfahrens wird das Vor-
urtheil gepflegt, nach welchem die Menschheit nur dazu da
wäre, um hier aus Erden in Krankheit und Elend zu vegeti-
ren. Diese, fast allgemein verbreitete Ansicht stempelt die
neuere Wissenschaft, Hydriatik, offenbar zu heidnischem Aber
glauben. unter dessen Einfluß die Saat alles menschlichen Un
heils wuchert. Sowohl in den Palästen der Reichen als in
den Hütten der Armen herrscht Elend, in Folge von Krank
heit. Hat man nicht oft Gelegenheit, Eltern.zu bedauern,
deren Herz vom tiefsten Schmerz ergriffen, wenn sie ihre kräf
tigsten Kinder frühzeitig zur letzten Ruhestätte begleiten und
damit ihre letzten Hoffnungen auf Freude bringende Nachkom-
men in das Grab versenkt sehen? Sieht sich der denkende
Mensch bei vorkommenden Krankheiten nicht oft in Angst und
Verzweiflung versetzt, wenn er in Bezug auf die Wahl des
Arztes oder des Heilmittels sich dadurch auf Irrwegen glaubt,
daß neben den Aerzten alte Frauen, Schäfer und Laien Ku
ren ausführen, die an das Wunderbare grenzen? Welche
Hoffnung auf Hülfe kann man haben, wenn der wissenschaft
lich gebildete Arzt selbst im krankhaften, siechen Zustande an
das Krankenbett tritt? Was soll man ferner dazu sagen,
wenn die Durchschnittslebensdauer der Menschen, nach stati
stischen Mittheilungen, aus einige 30 Jahre herabgesunken sich er
weist und so, während der productiven Lebensdauer, die materiellen
Lebensgüter nicht ersetzt werden können, die in dem inproduc
tiven Lebensabschnitt verbraucht worden find? Wie steht es
endlich mit der göttlichen Bestimmung des Menschen, der doch
die höchste Stufe des Lebens emnimmt, wenn wir die in
der freien Natur lebenden wilden Thiere betrachten und bei
ihnen nicht allein eine vollkommene Gesundheit, sondern auch
eine fast regelmäßige Lebensdauer finden, während man
in menschlichen Kreisen — Krankheit, Gebrechen und frühen
Tod in wahrhaft erschreckender Zahl und Ausdehnung, sowie
eine Lebensdauer bemerkt, die sich in den Erscheinungen des
Thierreichs als äußerst abnorm darstellt? Hören wir auf,
unser Erdenleben als einen Sumpf voller Unken darzustellen,
in welchem der Mensch physisch und geistig zu Grunde gehen
müßte! Nimmermehr soll es so sein! Denn der Mensch
kann, wenn er die Gesetze der Natur beachtet, sich wahre Le
bensfreuden selbst bereiten.
In dem ganzen Schöpfungswerke offenbart sich überall
Weisheit, und in jedem Leben erkennt man die Urkraft, mit
dem göttlichen Bestreben, sich bis zur möglichsten Vollkommen
heit zu entwickeln. Deshalb kann es auch keinem Zweifel
unterliegen, daß das Leben des Menschen, bei naturgemäßer
harmonischer Entwickelung der Körper- und Seelenkräfte, zur
gesunden Blüthe und reifen Frucht gedeihen soll und wir das
Seelenleben als das reale, das Körperleben als Mittet zum
Zweck zu betrachten haben. Jedenfalls hat der Schöpfer in
seiner weisen Fürsorge die Mutter Natur mit Kräften ausge
stattet, deren richtige Benutzung ausdauernde Gesundheit sichert,
wir haben sogar die Macht, die Natur zu zwingen, zu unse
rem Vortheil ihre Thätigkeit zu entfalten. Die ersten Men
schen, deren Fortpflanzung unbezweifelt auf Schönheit, Kraft,
Gesundheit und. Lebensdauer gegründet war, fanden diese
zur menschlichen Glückseligkeit gehörenden Eigenschaften darin,
baß sie kein anderes, als ein naturgemäßes Leben kannten,
wogegen den späteren Generationen, welche in Folge der Ci
vilisation diese Lebensweise aufgaben, das Erkennungs-Ver
mögen blieb, das in seiner unbegrenzten Erweiterung gleich
sam den Sporn für das Streben des Individuums bildet,
sich die Glückseligkeit in einer natürlichen Pflege des Körpers
und der Seele selbst zu gründen.
Was nun die Seelenpflege anbetrifft, so kann es nicht
auf ihre Darstellung vom philosophischen Standpunkte aus,
sondern nur darauf ankommen, daß wir ihre Beziehung zu
der Körperpflege in's Auge fassen. Hierbei läßt sich zwar
nicht experimentiren, man kommt aber mit offenen Sinnen und
unbefangenen Gedanken zu folgenden Fundamentalerscheinun
gen : Alles Leben in seiner Blüthe beruht auf Harmonie der
Elemente, folglich ist auch das Körper- und Seelenleben als
ein harmonisches denkbar. Die Seele für sich hat das Be
streben, sich durch Anziehung geistiger Kräfte zu stärken, wo
bei man als anregende Factoren die Bildung des Verstandes
und die wahre Verehrung eines Gottes erkennt. Indem auf
diesem Wege das Erkennungsvermögen sich erweitert, wird
in Verbindung mit der Körperpflege das Gefühlsvermögen
dergestalt geklärt und gestählt, daß man am Gutesthun Wohl
gefallen und am Bösesthun Abscheu empfindet und so zur
eigentlichen Würde des Menschen gelangt.
In Bezug auf die Körperpflege spiegeln sich die Vor
schriften in den Gesetzen der Natur ab; jemehr wir diese be
achten, destomehr klären und kräftigen sich die flüssigen und
die daraus hervorgehenden festen Theile unseres Körpers.
Wenn wir für diese, wie ein Kunstgärtner für das Gedeihen
seiner Gewächse im Treibhause, besorgt sind, und namentlich
auf seine Gesammtkraft mit feuchter Wärme, die wir durch
Kälte und Wasser erzeugen, einwirken, dann werden die, in
Folge naturwidrigen, verweichlichten Lebens, erschlafften Aus
scheidungsorgane in normale Thätigkeit gesetzt; die Haut ver
mittelt die Wärme- und Elektricitäts-Strömungen, wodurch
das Blut regelmäßig nach allen Theilen des Körpers geführt
wird, um diesen zu ernähren und das Nervensystem rc. zu
stärken; die verbrauchten Körperstoffe lösen sich in Atome und
Moleküle auf und werden ausgeschieden; die rcgulatorischen
Einrichtungen in dem Organismus stellen das Gleichgewicht
zwischen den flüssigen und festen Theilen her: so wird der
Stoffwechsel ein natürlicher und die Gesundheit eine dauernde.
In diesen Gesetzen, beziehungsweise Fundamentalerscheinungen,
stellt sich das Naturheilverfahren in seiner Einfachheit dar,
die wir als eine Wahrheit und als die einzige Quelle des Heils
und des Segens für alle Zeiten festzuhalten haben. Was
sollte auch aus der Menschheit werden, wenn sie nicht selbst
dahin kommen sollte, sich auf jene einfache Weise, ohne alle
Beihülfe der Kunst, die Gesundheit zu erhalten?
Wir kommen jetzt zu dem zweiten Gegenstände unserer
Betrachtung, zu den Resultaten bei Behandlung verschiedener
Kinderkrankheiten, die die vorangegangene Darstellung in das
günstigste Licht setzen Erst kürzlich war mir die Gelegenheit
geboten, ein an Erbrechen und Diarrhoe erkranktes und,
wie ich später erfuhr, vom Arzte und den Eltern aufgegebenes
Kind zu behandeln. Eines Morgens, als eben die Morgen
röthe am fernen Horizont den Anbruch des Tages verkündete,
wurde ich zu ein^r mir bekannten Familie, dem Kaufmann
Sch.... gerufen. Dabei erfuhr ich, daß das kleinste Kind, ein
Knabe von drei Monaten alt, seit 8 Tagen erkrankt war, der
Hausarzt, ein Allopath, seine ganze Kunst vergeblich erschöpft,
dennoch die Krankheit von Tag zu Tag zugenommen hatte, das
Kind jetzt sehr krank sei und man sich deshalb zur Wasser-
Kur entschlossen habe, um das bisherr kräftige Kind, wenn ir
gend möglich, vom Tode zu retten. Bei dem ersten Anblick
des Patienten verlor ich fast die Hoffnung auf Herstellung.
Das Kind, sonst wohl genährt, war total abgemagert, dw