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Das Ende der französischen Offenfivpläne. Angriff der Engländer.
Potain wußte auch um die Not des Frontkämpfers, wußte, daß es ein im
Grunde tapferes Heer war, das dem Äbermaß der Beanspruchung zeitweilig
nachgegeben hatte. Er fuhr von Ort zu Ort, von Truppe zu Truppe, hörte
die Klagen des einfachen Mannes — Ärlaubssperre, mangelnde Verpflegung
und schlechte ärztliche Versorgung — und richtete durch mhigen Zuspruch,
durch Ermahnung und Belobung, letzten Endes durch seine Persönlichkeit
die gesunkene Moral wieder auf. Es ging jedoch nur allmählich aufwärts.
Der plötzlich bewilligte Massenurlaub förderte zunächst sogar noch die An¬
steckungsgefahr zwischen Front und Heimat. Erst Mitte Juli war die Ge¬
fahr gebannt.
Die schwerste Sorge für die französische Führung war inzwischen die
Frage gewesen, wieviel der Gegner von der im Heere herrschenden Krankheit
wußte. Wenn die Deutschen ernsthaft angriffen, schienen die Folgen nicht
abzusehen. Am 6. Juni hatte eine französische Division vor dem deutschen
Stoß am Ehemin des Dames versagt), eine andere sich bis auf ein Regiment
geweigert, das Loch auszufüllen. Schließlich war es gelungen, die 70. Divi¬
sion vorzuwerfen und den Einbruch abzuriegeln. Es blieb bei dieser ört¬
lichen Schlappe; aber die Front brauchte Zeit, sich wieder auf ihr besseres
Selbst zu besinnen. Ihr größere Angriffshandlungen zuzumuten, war einst¬
weilen unmöglich.
An der englischen Front waren unterdessen die Vorbereitungen
für den Angriff in Flandern in vollem Gange. Vis zum 20.Mai hatten die
Franzosen den Abschnitt bis zum Omignon-Vach übernommen; bis Ende
des Monats war die englische ö. Armee aus der Gegend von Vapaume nach
Flandern übergeführt worden, während man die Offensive bei Arras allmäh¬
lich einstellte. Am 2.Juni war der Generalstabschef des Generals Potain,
General Debeney, im britischen Hauptquartier erschienen, um die im fran-
zösifchen Heere herrschenden Zustände darzulegen. Feldmarschall Haig mußte
sich damit abfinden, daß die Franzosen zum 10. Juni nicht angriffsbereit sein
würden und daß aller Wahrscheinlichkeit nach die Gesamtlast der bevor¬
stehenden Kämpfe auf den Schultern des englischen Heeres ruhen würde.
Die Offensive in Flandern, als deren Auftakt in den nächsten Tagen die
Wegnahme des Wytschaete-Vogens beabsichtigt war, entsprach damit nicht
mehr allein englischen Belangen, sondern wurde zugleich ein dringendes
Erfordernis der Gesamtlage. Es galt nicht mehr nur die belgische Küste zu
gewinnen, sondern auch das bedenklich geschwächte französische Heer zu
entlasten.
') 6.391 f.