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Die Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne.
2. Vor Verdun hatte sie nach den Dauerkämpfen des Jahres 1916 nicht
mehr ihre volle Widerstandskraft besessen. Im Frühjahr 1917 war sie aus-
geruht und wieder voll kampfkräftig.
3. General Nivelle hat sich an der Aisne und in der Champagne gegen das
bis zu acht Kilometer tief gegliederte deutsche Stellungssystem artilleristisch
zuviel auf einmal vorgenommen und damit die Wirkung zersplittert.
4. Neben schnellster Durchführung des Angriffs galt ihm Überraschung als
entscheidendste Voraussetzung des Erfolges. Sie ist ihm vor Verdun ge¬
glückt, in den größeren Verhältnissen des Frühjahrs 1917 aber nicht.
Insgesamt war die Schlacht, deren Endkämpfe sich noch weit in den
Juni hineinzogen, von 66 deutschen Divisionen bestritten worden, denen
68 französische gegenübertraten. Der beiderseitige Einsatz an Divisionen
wies damit ein ähnliches Verhältnis auf wie in der gleichzeitigen Dauer-
schlacht bei Arras und auch 1916 an der Somme. Entscheidend für die Be¬
urteilung aber ist, daß nur rund 2400 deutsche Geschütze einer Übermacht von
4500 der Franzosen gegenüberstanden.
Der deutsche Gesamtverlust betrug bis Ende Juni 163 000 Mann, da¬
von 37 000 Vermißte, der französische dürfte zwischen 250 000 und 300 000
Mann liegen1), von denen 10 500 als Gefangene in deutsche Hand gefallen
waren. Die Franzosen hatten dem Verteidiger 29 000 Gefangene und
187 Geschütze abgenommen, angesichts des großen deutschen Gesamterfolges
Zahlen von geringer Bedeutung. Es waren Verluste, mit denen bei feind¬
lichen Großangriffen stets zu rechnen war, wenn dem Feinde der Einbruch
gelang. Sie sagen daher auch nichts gegen den unübertroffenen Kampfgeist
und Widerstandswillen der deutschen Truppen. In Granattrichtern dem oft
ohne Unterbrechung über sie dahinrasenden feindlichen Artilleriefeuer und
nachts den Bombenabwürfen von Fliegern ausgesetzt, haben sie in Wochen-
langem Ringen alle Gewaltstürme des Gegners immer von neuem abge¬
wiesen und ihm in heldenmütigen Gegenangriffen manches Stück bereits ver¬
lorengegangenen Bodens wieder abgenommen.
0 Zuverlässige Angaben waren nicht zu ermitteln. General Nivelle meldete am
13. Mai (franz. amtl. Werk, Vd. V, 1, Annexe 1914 und 1917) allein für die Zeit vom 1k.
bis 25. April, also für die ersten zehn Tage, 161 766Mann. Die Kriegsgeschichtliche
Abteilung des franz. Genst. (Lervioe Historique) errechnet für die gleiche Zeit 134 000
Mann; eine Studie des franz. Genst. von 1920 gab die Verluste vom 16. April bis
16. Mai aber nur mit 139 666 Mann an. Andererseits ergibt sich aus einem Aufsatz:
„Les pertes des nations belligerantes au cours de la grande guerre" in: »Les
Archives de la grande guerre", Jahrgang 1921, für die ganze Schlacht eine Gesamt-
summe von 271 666 Mann.