664 Rückblick auf die Kriegführung des Generals von Falkenhayn.
aufnähme des Unterseekrieges in seiner uneingeschränkten Form das Insel-
Volk so schwer zu schädigen, daß es in absehbarer Zeit, bis Ende des Jahres
1916, friedensgeneigt würde. Es war das erstemal, daß der Leiter des
Landkrieges in entschieden fordernder Sprache in die Führung des See-
krieges einzugreifen suchte. Für die Lösung der dem Heere gestellten Auf-
gäbe hielt er die deutschen Streitkräfte bei stärkster Einschränkung an den
Fronten des Ostens und Balkans für ausreichend, in der Frage des Unter-
seekrieges verließ er sich auf das sachverständige Urteil der verantwortlichen
Männer der Marine.
Der Plan des Generals von Falkenhayn ist vollkommen gescheitert.
So sehr rückschauender Betrachtung Vorsicht und Zurückhaltung im Urteil
ziemt, so muß sie doch feststellen, daß der Plan kaum Aussicht hatte zu
gelingen, weil die Spannung zwischen Wollen und Wirklichkeit zu groß
war. Nahezu alle Voraussetzungen, von denen der Generalstabschef in der
Beurteilung der Feinde ausging, waren unzutreffend. Weder Rußland
noch Italien standen im Begriff, infolge innerer Schwierigkeiten als tätige
Mitglieder aus dem Feindbunde auszufallen. Rußland bewies im Gegen-
teil trotz der schweren Niederlagen des vergangenen Jahres noch so viel
Angriffskraft, daß es die Front des österreichisch-ungarischen Heeres auf
weiten Strecken zum Einsturz brachte. Auch Italien überstand nicht nur
das Tiroler Mißgeschick, sondern schloß in der sechsten Angriffsschlacht am
Isonzo zum ersten Male mit einem sichtbaren Waffenerfolge ab. Frank-
reich hielt bei Verdun der stärksten Belastungsprobe stand, der es seit
Beginn des Stellungskrieges ausgesetzt war, und vermochte sich daneben
noch tatkräftig an der Offensive seines britischen Verbündeten zu beteiligen,
der dank seines unversieglichen Krastzustroms das Feld an der Somme
beherrschte. Der uneingeschränkte Unterseekrieg aber, den General von Falken-
Hayn als das „voraussichtlich wirksamste Kriegsmittel" bezeichnet hatte, kam
überhaupt nicht zur Ausführung. Indessen, auch wenn er von Mitte März
an mit aller der Waffe möglichen Wucht geführt worden wäre, so ist doch
schwerlich anzunehmen, daß er bei der geringen Zahl verfügbarer Front-
boote') in dem veranschlagten Zeitraum bis zum Jahresende das erhoffte
Ergebnis hätte bringen können — ganz abgesehen von der unberechenbaren
Tragweite, die dem nicht zu bezweifelnden Eintritt der Vereinigten Staaten
von Amerika in die Reihe der Gegner innewohnte.
„Der Krieg ist das Gebiet der Ungewißheit", sagt Elausewitz. „Drei
Viertel derjenigen Dinge, auf welche das Handeln im Kriege aufgebaut
wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit. Hier
1) S. 291 und 620.