Rückschau auf die Offensive aus Südtirol 1916
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In dem ersten und grundlegenden Plan für die Offensive hatte
der Sinn einer Durchbruchsschlacht in vollkommenster, auf Tiefenwir¬
kung abzielender Form Ausdruck gefunden. Die Streitkräfte wurden
in zwei Armeen geteilt. Eine erste, größere und mit starker Artillerie
versehene Armee sollte die feindliche Front vollständig durchstoßen;
eine zweite Armee sollte nachmarschieren;, um dann hinter der bezwun¬
genen feindlichen Front, hier also in der Ebene, vollkräftig zur Wir¬
kung zu kommen. Dieser gewiß ungewöhnliche Gedanke fand nicht
ungeteilten Beifall. Er ist dennoch höchst bemerkenswert und kehrt
später nicht allein in neuen Plänen Conrads, sondern auch in ähnlicher
Form bei anderen Heerführern wieder, so beim Angriff der Westmächte
gegen die deutsche Front an der Aisne im Frühjahr 1917, bei dem Gen.
Nivelle hinter den Durchbruchskräften eine Verfolgungsarmee mit sehr
starker Reiterei bereit hielt.
Auf eine Überraschung des Feindes, die bei der Anlage der Süd¬
tiroler Offensive natürlich angestrebt wurde, konnte, je länger der
Beginn des Angriffes wegen der hohen Schneelage im Gebirge hinaus¬
geschoben wurde, immer weniger gerechnet werden. Wenn das durch
die Unbill des Wetters erzwungene Zuwarten immerhin auch dem Feinde
zugute kam, so gestattete diese Zeit doch den Angreifern, sich auf ihr
Vorhaben sorgfältigst vorzubereiten, um den voraussichtlichen stärkeren
Widerstand der Italiener durch eine desto gewaltigere Kraftentfaltung
zu brechen. Denn der Anblick der feindlichen Panzerwerke — einzelne
waren mit freiem Auge deutlich sichtbar — übte jetzt einen um so
tieferen Eindruck aus, als Berichte über die Schlacht bei Verdun (Dou-
aumont und Vaux) die Schwere des Kampfes um solche Befestigungen
ahnen ließen. Mochten auch die Artilleristen selbstbewußt versichern,
daß sie die sperrenden Bollwerke der Italiener gründlich in Trümmer
schlagen würden, so hielten die zum ersten Angriffe ausersehenen Infan¬
terie- und Sappeurtruppen es doch für geboten, Übungen mit den Mit¬
teln des Festungskrieges, also mit Sturmleitern, Wurfbrücken, Spreng¬
röhren u. dgl. m. vorzunehmen.
So wurde ein planvolles Angriffsverfahren ausgearbeitet, um den
Verlauf der Offensive zu einer schwungvollen Kriegshandlung zu ge¬
stalten. Die Befestigungszonen des Feindes sollten nunmehr nachein¬
ander und abschnittsweise zermürbt und durchbrochen werden. Man
war sich darüber klar, daß die Ziele der ersten Phase innerhalb jener
Grenzen zu liegen hätten, die der äußerste Wirkungsbereich der weit¬
tragenden schweren Geschütze bezeichnete. Dann sollte stehen geblieben