Volltext: Das Antlitz des Weltkrieges

Ernst Jünger ~ Das Antlitz des Weltkrieges 
trichtern Flanderns lag, verbraucht bis zum Gliederschütteln oder bis zur völligen 
Apathie und des Glaubens, daß keine Maus mehr am Leben sein könne — und 
es fehlten dann nach sechs Tagen Trommelfeuers von der Kompanie nicht mehr 
als etwa sechs Mann. Natürlich find dies extreme Beispiele; aber ich wage 
doch im Gegensatze zu vielen — wenn nicht den meisten — die Behauptung, daß 
die blutigen Verluste des Krieges mit Beginn der Materialschlacht abgenommen 
haben, im gleichen Maße wie der Nervenverbrauch zugenommen hat. Der Krieg 
ist also mit Einsatz der Materialschlacht auf eine unmenschliche Art — menschlicher 
geworden. Diese Behauptung ist nicht nur leicht zu belegen, wenn man fich 
einmal der Mühe unterzieht, die Gefallenenlisten einzelner Kampfregimenter 
durchzugehen, wobei man zum eigenen Erstaunen finden wird, daß die Groß- 
schlachten der Westfront durchschnittlich weniger Tote gefordert haben als 
Vewegungsgefechte der West- oder Ostfront. Von meinen eigenen fünf Ver¬ 
wundungen entfallen vier auf Vewegungsgefechte und nur eine auf Material¬ 
schlacht, wiewohl ich mich in letzterer ganz überwiegend befunden habe und mein 
Kampfgebiet dreier Jahre zwischen Flandern und der Somme fich beschränkt hat 
— also auf das typische Gebiet der Materialschlacht. Die Erklärung für diese 
— vielen gewiß unerwartete — Verteilung der Verluste findet fich in der ein¬ 
gangs gegebenen Deutung der Materialschlacht, die überall dort einsetzte, wo die 
Front erstarrt war. Dort befanden fich auch meist Bunker und haustiefe Unter¬ 
stände, die selbst bei Trommelfeuer nur durch Zufallsvolltreffer schwerster Kaliber 
niederzuringen waren. Aber selbst wenn die Stellung nur noch aus Granat¬ 
trichtern bestand, so bedurfte es auch im Trommelfeuer noch eines besonderen 
Zufalls, ehe eine Granate in einen bereits vorhandenen Trichter noch ein- 
mal einschlug. Die Ausficht, getroffen zu werden, war also im Trommelfeuer 
überraschend gering, das Gefühl dagegen, getroffen werden zu müffen, «ngeheuer- 
lich groß — daher der unmenschliche Nervenverbrauch. Ganz anders im Be¬ 
wegungskriege: hier ging auf den Einzelnen wie die Truppe wohlgezieltes 
Gewehr- und Maschinengewehrseuer nieder; hier war es schon eher ein Zufall, 
wenn man nicht getroffen wurde, daher die hohen Verluste. Das Gefühl 
dagegen war ganz mit dem aktiven Vorgehen beschäftigt, mit Sprüngen, mit 
Feuern, mit Deckungnehmen, Handgranatenwerfen; es blieb nicht viel Raum 
für den Gedanken: getroffen zu werden; daher der verhältnismäßig geringere 
Nervenverbrauch. — Dahingegen liegst du stunden-, tage-, ewigkeitenlang im 
Granatktichter — untätig und mit keinem anderen Gedanken beschäftigt als: diese 
Granate ging links, diese rechts, diese hinter, diese vor — — jetzt, jetzt muß fie 
hierher kommen (denn du fühlst ja dich, dein kleines bebendes Ich beschoffen!) — 
nein, weiter weg! — gottlob, nun beschießen fie — die Reservestellung! — gottlob, 
nun die Artilleriestellung! Diese auf das erbärmliche und wirklich erbarmungs¬ 
würdige Ich tagelang konzentrierten Gedanken waren es, die die Nerven-, ja 
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