Die Geschichte der Juden in Saaz.
Bearbeitet von
Prof. Ernst Mandl und Dr. Heinrich Schwenger, Saaz.
Saaz (c. Zatec) ist immer ein wichtiger Straßen-
knotenpunkt gewesen, lag an einem fischreichen
Wasserweg, stand später lange unter der Verwaltung
eines königlichen Prinzen und entwickelte sich später
im 15. und 16. Jht. langsam zur drittgrößten Stadt
des Landes. So sehen wir in S. ein großes Ghetto
entstehen, das, als die ersten Deutschen unter Herzog
Wenzel I. ins Land kamen, bereits wichtige Handels¬
beziehungen im ganzen Lande besaß, besonders aber
mit der Haupt- und Residenzstadt des sich langsam
einigenden Landes, das ja früher aus Teilfürsten-
tümern bestanden hatte. Das nicht weit weg vom Ufer
des Egerflusses liegende Ghetto halfen die neu¬
ankommenden Juden vergrößern.
Bis jetzt waren schriftliche oder andere Denkmäler
über Juden aus jener frühesten Zeit nicht zu eruie¬
ren. Im 14. Jht. hieß in S. ein Platz „Judengarten 6
der, der allgemeinen Meinung nach, ein jüdischer
Friedhof gewesen sein soll. Irgendwelche Über¬
reste eines solchen Friedhofes sind dort nicht ge¬
funden worden. Die älteste Nachricht, die wir
von Saazer Juden derzeit in Händen haben, stammt
aus dem J. 1350. Karl IV., König von Böhmen, be¬
stätigt dem Sohne des Mathias von Eger, Peter,
Richter von S., seiner Gattin Agnes und seinen Rechts¬
nachfolgern das Richteramt der Stadt S. mit allen
Einkünften und Rechten, namentlich mit den vier
Fleischbänken und Zöllen. Er darf außerdem bei
Mordtaten Urteile fällen und erhält schließlich auch
die Gerichtsbarkeit über die Juden. Dies weist dar-
auf hin, daß es hier unter anderem auch Streitig¬
keiten mit und unter Juden gegeben hat, daß die
Juden also hier Besitz hatten und begütert waren und
daß alle die den Handel und Verkehr betreffenden
Streitfragen mit Einkünften dem Stadtrichter über¬
tragen wurden.
Aus dem J. 1376 finden wir das Taufzeugnis eines
getauften Juden, wir hören von Samuel von S.
und Michel von S., die mit ihren Gattinnen zu¬
sammen Geber von Schuldbriefen sind. Auch im Saa¬
zer Kontraktenbuch finden wir den Namen eines
Juden David, der Häusertransaktionen vornimmt.
Ferner werden im J. 1411 und 1418 Saazer Juden
urkundlich erwähnt. Aus den offiziellen Schuldbriefen
der Jahre 1498 bis 1508 ersehen wir ebenfalls Juden¬
namen, die den Beinamen „aus Saaz66 trugen.
Nach den Hussitenkriegen waren nun die Deut¬
schen aus vielen Städten auch aus S., entweder über
haupt oder auf mehrere Jahrhunderte hinaus ver¬
drängt; und als sich einerseits nun dadurch die Juden
wieder dem Handel und, Gewerbe zuwandten, an¬
dererseits die aus dem Kriege Heimgekehrten oder
frisch zugewanderten Tschechen die Konkurrenz mit
den Juden nicht aufnehmen konnten, da entstanden
jene Anfänge eines tödlichen Hasses und wir hören
zum erstenmal auch in S. die Forderung nach Ver¬
treibung der Juden.
Im J. 1526 verlangten die Saazer, ihnen die Ver¬
treibung der Juden zu gestatten. Der Landesunter¬
kämmerer Z d enëk von Rozmitál ersucht sie
jedoch in einem Briefe, sich zu gedulden. Er deutet
ihnen an, daß der König nicht mehr lebe und Bürger¬
meister und Stadträte in dieser Angelegenheit keine
neuen Beschlüsse fassen oder sich zu voreiligem Han¬
deln hinreißen lassen. Der neue König werde gewiß
alle ihre gerechten Wünsche nicht unerfüllt lassen.
Die Juden aber sind Knechte der königlichen Kammer
and nach ihnen zu langen, sei ein Eingriff in die
königlichen Rechte.
Gleich darauf bittet der oberste Burggraf (Cela-
kovsky) die Prager Bürger um Aufenthaltsbewilli¬
gung für den Juden Samuel aus S. Dieser scheint
schon auf die oberwähnte Bitte seiner Mitbürger hin
entflohen zu sein. Er erfreute sich nämlich keiner
sehr großen Beliebtheit, wie wir aus folgendem er¬
fahren. Im J. 1527 sendet Rozmitál wieder ein Schrei¬
ben an den Bürgermeister und die Ratsherren der
kgl. Stadt S., in welchem er sich darüber beschwert,
daß die Brüder Fremuth aus Schönhof seinen Erb¬
juden (daher die Verwendung für ihn) Samuel blutig
geschlagen haben. Die Bevölkerung war also bereits
zu Taten übergegangen.
Als sich die Saazer im J. 1530 in bezug auf die
Vertreibung der Juden abermals selbständig machen
wollten, da war es wieder der König Ferdinand I.,
der diesem Treiben entgegenarbeitete. Vor allem er¬
gänzte er die Judenordnung Wladislaws dahin, daß
von nun an nur 2 Groschen vom Schock per Woche
als Schuldzins genommen werden dürfen, weiters
müssen die Juden, die nicht königliche Kammer¬
knechte sind und doch in der königL Stadt S. woh¬
nen, diese sofort verlassen. Das war eine Spitze gegen
den Adel, der von einigen in S. wohnenden Juden
Schutzsteuern angenommen hatte. Oder war dies bei
Samuel etwas anderes gewesen? Überhaupt sehen
wir, daß Ferdinand die unter den Jagelionen so
mächtig gewordenen Stände wieder etwas zurück¬
drängen wollte. Dabei war ihm jedes Mittel recht:
auch das, sie finanziell zu schwächen, selbst wenn
sich dieser Vorgang zuerst zum Schaden der Juden,
also zu seinem eigenen Steuerschaden auswuchs.
Einigen Saazer Bürgern hatte aber doch das Bitten
nicht genügt, sondern sie hatten bereits dadurch ein
wenig Vorschuß auf die sicher erhoffte Erlaubnis
genommen, daß sie einige Juden erschlugen, gleich¬
zeitig ein wenig bei den Juden raubten und plünder¬
ten. Dies erfahren wir aus einem (deutsch abgefa߬
ten) Bericht der böhmischen Kammer an den in sei¬
ner Wiener Residenz weilenden König Ferdinand.
Ein paar Tage später bekamen die Saazer den offi¬
ziellen Befehl von den obersten Hauptleuten des
Königreiches Böhmen Johann v. Wartenberg, Adal¬
bert v. Pernstein, Radslav v. Berkovsky und Wolfart
Plankner, gegen die Juden nichts ohne Einwilligung
Zatec 1 37*
5*9
Saaz 1