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weibliche Soldaten.
Geschichten aus der altösterreichischen Armee.
Oer Dragoner ßatl)arina ntarfct)aU.
Anfangs der Zwanzigerjahre des 19. Jahrhunderts verstarb'
in dem Dorfe Liben bei Prag ein über achtzig Jahre altes Müt¬
terchen, namens Katharina Fiala. Die^ alte Frau hatte sich1 im
Winter durch' einen Hausierhandel, im Sommer mit dem! Ver¬
kaufe von Blumen so recht und schlecht durchgebracht. Die Blumen
bot sie in Prag auf der Straße feil, urtld zwar Wendete sie sich
vorpgMmfe an Offiziere, welche, wenn sie das Weiblein kannten,
bie Geldbörse so weit als möglich öffneten.
Katharina Marschall war bie Tochter eines Soldaten,, der in
ihrer frühen Jugend als Invalide in dem Dorfe Przerneritz, ein¬
einhalb Stunden von Königgrätz entfernt, starb. Mit 14 Jähren
kam Katharina als Kindsmagd nach Prag. Während ihrer Ab¬
wesenheit vom Heimatsdorfe wurde ihr jüngerer Bruder Johann
Marschall als Rekrut gestellt und nach Prag abgeführt. Dort suchte
er alsbald die Schwester aus und klagte ihr sein Leid unter vielen
Tränen. Der Bursche 'hatte Angst und Unlust zum Militärdienste
und gestand, daß er sich! mit ernsten Selbstmottob sichten trage.
Er werde, wenn er Soldat bleibe, in die Moldau springen., Ka¬
tharina, durch solche Reden erschreckt, tröstete ben Br über, gab chm
etwas von ihrem ersparten Gelbe und forderte ihn auf, noch; in
derselben Nacht zu ihr zu kommen. Mittel gefunden zu haben, wie ihm zu helfen fei.
Johann Marfch!a!l kam abends, und Katharina teilte ihm fol¬
gendes mit: „Ich bin ein Ästiges Mädel und möchte mir die
Welt und die Menschen anschauen. Wir sehen uns im Gesichte und
in der Gestalt stark ähnlich!, auch unsere Stimme ist fast die gleiche,
kurz, ich habe also den Entschluß gefaßt: du gibst mir deine Uni¬
form und ich! rücke an deiner Stelle in die Kaserne ein." Johann
Marschall, ein unentschlossener, weichlicher Mensch, hatte gar seine
Zeit, Einwendungen zu Machten. Katharina begab sich sofort zu
ihrem Dienstgeber, weinte demselben vor, ihre Mutter sei schwer
erkrankt und sie müsse heimeilen. Von Seite des Dienstgebers wurde
kein Anstand gemacht und schon vor Tagesanbruch marschierte das
Mädchen in der Uniform eines Dragoners zum Regiment Nr. 6
Graf Kolvwwt-KrakpwHi an der Seite feines zu einem Kinds¬
mädchen gewordenen Bruders! in die Kaserne ein. Johann ging
nur mit um die Schwester in die örtlichen Verhältnisse einzu¬
treiben und Überraschungen hintanzuhalten; den Kontrollchargen teilte
er M'.t, daß er das! späte Heimkommen des „Bruders" entschuldi¬
gen wolle Die Mutter habe nämlich dringend nach ihren Kindern
verlangt, da sie dem Tode nahe sei. Er kehrte hierauf in das
Heimatsdorf zurück und erzählte, man habe ihn wegen U'ntang-
liichkeit vom Militär entlassen. Ant nächsten Tage versah er schon

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